1. Majuskeln
Ὅ τι μὲν ὑμεῖς, ὦ ἄνδρες Ἀθηναῖοι, πεπόνθατε ὑπὸ τῶν ἐμῶν κατηγόρων, οὐκ οἶδα· ἐγὼ δ᾿ οὖν καὶ αὐτὸς ὑπ᾿ αὐτῶν ὀλίγου ἐμαυτοῦ ἐπελαθόμην· οὕτω πιθανῶς ἔλεγον.
Dies ist der Anfang der »Apologie des Sokrates«, die Platon zu Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr. verfasst hat. Sokrates wurde im Jahr 399 v. Chr. in Athen zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilt. Inhalt der »Apologie« ist die Verteidigungsrede des Sokrates bei dem Verfahren, das letztendlich zu seiner Verurteilung führte. Wir werden in jedem Kapitel einen kurzen Abschnitt aus der »Apologie« lesen und dabei jedes Mal ein bisschen mehr verstehen.
Wir können sehen, dass das Griechische genauso wie unsere Schrift sowohl Groß- als auch Kleinbuchstaben verwendet. Das ist gar nicht so selbstverständlich. Weltweit machen diese Unterscheidung nur ganz wenige Schriften und die meisten davon gehen auf die griechische Schrift zurück wie z.B. die kyrillische, armenische, koptische oder auch unsere lateinische Schrift.
Anders als im Deutschen wird aber nicht jedes Substantiv mit Großbuchstaben geschrieben. Es gelten ähnliche Regeln wie im Englischen: Groß geschrieben wird das erste Wort eines Satzes (Ὅ τι μὲν...) und die Eigennamen von Personen, Ländern oder Städten sowie davon abgeleitete Adjektive (Ἀθηναῖοι = athenisch).
Von den Satzzeichen sind uns . (Punkt), , (Komma) und ᾿ (Apostroph) bekannt. Sie werden im Wesentlichen wie im Deutschen verwendet. Der Punkt kommt sowohl bei Aussage- als auch bei Ausrufesätzen zum Einsatz. Ein spezielles Ausrufezeichen gibt es nämlich nicht. Der Apostroph zeigt an, dass Vokale ausgelassen wurden. Das Griechische versucht der einfacheren Aussprache halber oft Anhäufungen von Vokalen zu vermeiden: vgl. ὑπ᾿ αὐτῶν aber ὑπὸ τῶν.
Ein hochgestellter Punkt (·), genannt Kolon steht anstelle unseres Doppelpunkts oder unseres Semikolons. Was wie unser Semikolon (;) aussieht, ist dagegen das griechische Fragezeichen, das in unserem Textausschnitt allerdings nicht vorkommt.
Zuletzt fallen uns noch zahlreiche Akzente und Häkchen auf (´ ` ῀ ῾ ᾿), die links von großgeschriebenen bzw. über kleingeschrieben Vokalen stehen. Mit diesen beschäftigen wir uns aber erst in späteren Kapiteln.
Satzzeichen
| Griechisch | Name | Deutsch |
| , | Komma | , |
| ; | Semikolon | ? |
| · | Kolon | ; oder : |
| . | Punkt | . oder ! |
| ᾿ | Apostroph | ᾿ |
In diesem Kapitel lernen wir vorerst nur die Großbuchstaben oder Majuskeln kennen.
Fast die Hälfte der Majuskeln, nämlich Α Β Ε Ζ Ι Κ Μ Ν Ο Τ Υ entsprechen unseren lateinischen Buchstaben, wobei das Y immer als Ü und nie als J ausgesprochen wird. Die Kombination ΟY wird wie U gesprochen, ΑΥ wie AU und ΕΥ wie E-U (nicht wie OI). Ε und Ο werden immer kurz ausgesprochen wie in schnell bzw. Socke (nicht wie sehen oder Soße).
Aufpassen müsst ihr bei Η, Ρ und Χ; die gibt es bei uns zwar auch, werden aber anders ausgesprochen.
Η – langes Ä wie in Säge
Ρ – gerolltes R wie Regen in manchen deutschen Dialekten
Χ – CH wie in Dach oder ich
Folgende Buchstaben kommen im lateinischen Alphabet zwar nicht vor, aber wahrscheinlich kennt ihr manche davon schon aus der Mathematik oder Physik: Γ Δ Θ Λ Ξ Π Σ Φ Ψ Ω
Γ – G wie in gehen. Vor einem Ξ oder Κ wie N in Anker. ΓΓ wird wie NG in Angelika oder in englisch angry (also »äng-grie« nicht »ängrie«) ausgesprochen.
Δ – D wie in dort
Θ – TH wie in englisch with oder thin
Λ – L wie in Leben
Ξ – CHS wie in Sachsen oder X wie in Fax
Π – P wie in Perle
Σ – meist stimmloses S wie in süddeutsch sehen oder englisch see – Vor den stimmhaften Konsonanten Β, Γ und Μ wird Σ ebenfalls stimmhaft wie in hochdeutsch sehen oder englisch zero ausgeprochen. Alternativ zu Σ gibt es auch die Schreibweise C.
Φ – F wie in Feder
Ψ – PS wie in Gips
Ω – langes AW wie in englisch draw
Von den Vokalen werden Ε und Ο immer kurz, Η und Ω immer lang und Α, Ι und Υ manchmal kurz und manchmal lang ausgesprochen.
Versuche die folgenden griechischen Ländernamen ins Deutsche zu übersetzen.
Versuche jetzt unseren Text ein paar Mal in der Großbuchstaben-Fassung zu lesen.
Ο ΤΙ ΜΕΝ ΥΜΕΙΣ, Ω ΑΝΔΡΕΣ ΑΘΗΝΑΙΟΙ, ΠΕΠΟΝΘΑΤΕ ΥΠΟ ΤΩΝ ΕΜΩΝ ΚΑΘΗΓΟΡΩΝ, ΟΥΚ ΟΙΔΑ· ΕΓΩ Δ᾿ ΟΥΝ ΚΑΙ ΑΥΤΟΣ ΥΠ᾿ ΑΥΤΩΝ ΟΛΙΓΟΥ ΕΜΑΥΤΟΥ ΕΠΕΛΑΘΟΜΗΝ· ΟΥΤΩ ΠΙΘΑΝΩΣ ΕΛΕΓΟΝ.
Zur Zeit Platons wurde übrigens wirklich nur in Großbuchstaben und ohne Satz- und Leerzeichen geschrieben. Wir werden aber trotzdem ab dem nächsten Kapitel die in modernen Ausgaben altgriechischer Texte übliche gemischte Schreibweise verwenden.
Ammerkung
Die von uns vorgeschlagene Aussprache des Altgriechischen entspricht nur teilweise der für die Zeit Platos rekonstruierten Aussprache. Unser Ziel ist eine für Sprecher des Deutschen leicht aussprechbare Aussprache, in der unterschiedlich geschriebene Laute und Lautkombinationen auch unterschiedlich ausgesprochen werden. Für die Aussprache des Θ, ΕΙ und Ω verwenden wir für diesen Zweck auch Laute aus dem Englischen, das für die meisten Sprecher:innen des Deutschen die vertrauteste Fremdsprache sein dürfte.